Kapitel drei

Links von mir ist alles grün. Von hellen Feldern über sattgrüne Bäume bis zum Moos dahinter und bis zum bald schwarzen Wald dahinter fliegt die Mitte Deutschlands an mir vorbei. Kurz hinterm Kinzig-Stausee irgendwo zwischen Frankfurt und Fulda ist es das erste Mal ganz unumstößlich und vollkommen klar: mit dieser Reise schließe ich dieses Kapitel. An einem Freitagabend, um 21:14 Uhr, geht es vorbei. So schwer zu glauben, dass es die letzten Tage, Wochen und Monate auch war; so sehr ich damit gerungen habe und es auf eine Art auch noch immer nicht wahrhaben will: Es ist vorbei. Alles, was jetzt noch kommt, ist nur der Epilog, ein leichtes Schaulaufen durch die Reste einer Welt, die ich acht lange Jahre aufgebaut habe. Ein Termin hier, eine Anfrage da, aber es hilft weder ,die Augen davor zu verschließen, noch es zu leugnen. Dieses Kapitel geht vorbei.

Aus dem Nichts taucht der Dünne in Wagen drei auf. Bewaffnet mit Schweißbrenner und Pferdemaske im einen – und den gesammelten Belegen meiner Taxifahrten, Quittungen und Bewirtungsbelegen der letzten acht Jahre im anderen Arm.

“Garbi! Halt dis mal hier!”

“Was hast du denn mit dem Schweißbrenner vor?”

“Ich mach das Dach auf! Die ganzen Unterlagen hier müssen weg!”

“Was? Wie? Wieso denn weg?”

“Na, du hast es doch selber eben gesagt: Das Kapitel ist vorbei. Aus. Ende. Äpfel. Da brauchen wir die ganzen Unterlagen nun wirklich nicht mehr.”

“Dünner, wir sind in einem ICE. Du kannst nicht einfach so das Dach aufschweißen und meine Unterlagen rauspfeffern.”

“Scheiße. Stimmt. Du hast recht. Viel zu aufwändig! Hier, viel einfacher. Nimm den Nothammer hier und klopp das Fenster neben dir auf!”

“Wie? Nein ey. Weißt du, wie schnell der Zug gerade fährt? Das gibt sicher ein Mordsärger.”

“241 km/h.”

“Was?”

“Der Zug fährt 241 km/h. Oder wie ich es nenne: Die perfekte Geschwindigkeit, um die Vergangenheit hinter sich zu lassen, mein gefiederter Freund.”

“Alter. Du bist so panne. Nein. Das Fenster bleibt ganz und die Unterlagen hier. Wo hast du die eigentlich her?”

“Garbi, ich trage die seit Oktober mit mir rum. Zugegeben: etwas früh. Niemand konnte wirklich damit rechnen, dass du so schnell zu Verstand kommen würdest. Ich habe das falsch eingeschätzt. Besser gesagt: Du hast das falsch eingeschätzt. Ui. Schau mal: Wenn wir hier bei Eisenach links abbiegen statt rechts, kommen wir genauso schnell nach Brüssel, wie nach Berlin. Warst du schon mal in Brüssel, Garbor?”

“Nein. Und ich will auch gar nicht nach Brüssel. Ich will nach Hause.”

“Wie langweilig. Ich finde, wir sollten nach Brüssel. Das neue Kapitel kann unmöglich am gleichen Ort beginnen.”

“Ich gebe mir wirklich Mühe, Dünner, aber es ist auch alles nicht so einfach!”

“Ja ja, okay, Mühe-Mühe, Hühnerbrühe. Dann halt nicht. Aber wir müssen irgendwas Rituelles machen. Irgendwas Krasses, das so richtig sagt “Neuanfang.”

“Alles klar. Hmm. Ich glaube, wir lassen uns das einfach tätowieren.”

“Was?”

“Na, Neuanfang.”

“Oh mein Gott, Garbor, wie cringe kann man sein? Heißt du Juliane? Hast du ein “Live. Love. Laugh.” über dem Bett zu hängen?”

“Okay. Dann nicht.”

“Danke. Also, her mit dem Nothammer.”

In den acht Jahren dieses Kapitels wurden 6 Kinder meiner besten Freunde geboren. Es wurde geheiratet und es wird geschieden. Meine Oma und meine Tante sind gestorben, so wie Maries Vater an Weihnachten, der einfach umgefallen und nie wieder aufgestanden ist, obwohl er so gesund war wie Karottensaft. Eine alte Bekannte hat es im letzten September nicht mehr ausgehalten hat und der Welt adé gesagt. Das Problem mit der Seele ist eben, dass Karottensaft da nicht zu helfen scheint. Ich habe ein Weinseminar besucht und aufgehört zu trinken und habe die Strecke von Berlin nach Kairo mit der Rudermaschine zurückgelegt. Zwischendurch hat Deutschland so getan, als könnte es eine Pandemie aushalten und am Ende haben wir rausgefunden, dass dem absolut nicht so ist. Jetzt regiert Mr. Burns das Land und erklärt allen, dass wir wieder sieben Tage in die Fabriken müssen, damit der Adel seine Ferrero Rocher weiter essen kann. Glücklicherweise findet es niemand mehr so wirklich unfassbar, wenn zwischendurch ein weiterer Krieg ausbricht und im Heiligen Land mal wieder wirklich alles, aber nichts heilig ist. Ich habe ein Buch geschrieben, meine Brust und Beine tätowieren lassen, nachts Glitzer getragen und meine Freunde geküsst, während ich die ganze Welt umarmt habe. Ich habe mich besser kennengelernt und noch besser ausgehalten und bin trotzdem am dritten Tag aus dem Schweigeseminar geflohen, während ich Rotz und Wasser geheult habe.

Stück für Stück waren es die besten Jahre meines Lebens.

Ich bin dankbar für alles, was ich in dieser wahnsinnigen Zeit erleben durfte.

Ich habe wahnsinnige Angst vor dem, was jetzt kommt.

Ich freue mich drauf.

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Immerhin Frühling