Ich wünscht, ich wäre Influencer

“Takka-takka, ihr Behindos. Jetzt mal raus mit den Peseten, sonst könnt ihr euch von euren treuen Followern in einem letzten Heul-Video verabschieden.”

Der Dünne trug ein Elviskostüm in Weiß. Sein Kostüm besteht nicht nur aus einer unfassbar lächerlichen Fransenjacke mit Ausschnitt bis zum Bauchnabel und nichts darunter, sondern auch noch Schlaghosen, die bei seinen ausladenen Schritten hin- und herwuchteten. Wie man sich sicherlich vorstellen kann, ist das schon verstörend genug, aber was die kleine Gruppe an Menschen viel eher an den Rand des Einpullerns bringt, ist die vernickelte Walther P99, mit der er vor ihren Gesichtern herumfuchtelt.

Garbor erhebt sich aus dem ledernen Ohrensessel in der Mitte des Raums, macht einen Schritt auf die Gruppe zu und fängt an mit freundlicher Stimme die kleine Gruppe an verängstigten Menschen zu adressieren:

“Was mein Freund euch da gerade etwas theatralisch klar machen möchte, ist: Bitte seid doch so gut und entleert eure Taschen. Legt eure Wertsachen am besten ordentlich hier in diese Kiste und dreht eure Hosentaschen auf links, so dass wir nicht davon ausgehen müssen, dass ihr aus Versehen etwas vergessen habt. Gibt es dazu irgendwelche Fragen?”

Eine junge Frau, schätzen wir sie mal auf Mitte zwanzig — wer weiß heute schon so genau, wer wie alt jemand ist bei all den Kriegen, Krisen, Bottoxbehandlungen, schamanischen Ritualen, Yoga-Retreats, Ketamineskapaden und frühkindlichen Traumata — erhebt vorsichtig ihre rechte Hand und starrt Garbor flehend an:

“Ich, ich habe keine Hosentaschen. Was, was soll ich dann machen?”

“Oh oh, Garbor, sie hat keine Hosentaschen. Was machen wir jetzt nur mit ihr?”, fragt der Dünne höhnisch in den Raum, während er anfängt Pirouetten zu drehen.

“Hmm, hmm. Das habe ich allerdings nicht bedacht. Hmm. Ich denke, wir werden hier einfach mal die Gruppe fragen! Also, Gruppe, unsere Freundin hier, die… wie heißt du nochmal?”

“G-Gina?”

“Ist das eine Frage? Fragst du mich, ob du Gina heißt?”

“Nein. Also. Ich heiße Gina.”

“Okay. Danke, Gina.”

“Also, unsere Freundin Gina hat gar keine Hosentaschen. Was machen wir mit ihr? Option A: Wir lassen sie einfach laufen. Option B: Wir töten Gina und jemand von euch darf gehen. Option C: Wir töten Gina, ihr dürft es alle auf Video aufnehmen und es auf TikTok und Insta stellen. Wenn mich nicht alles täuscht, stehen die Chancen auf einen echten viralen Hit bei so einer sauberen Hinrichtung ziiiiiemlich gut (jedenfalls, wenn ihr noch eine coole Caption dazuschreibt)! Also… stimmen wir ab. Alle, die Option A wählen, bitte jetzt die Hände zeigen:”

“Aber, aber, das geht doch nicht. Ich meine, was kann ich dafür, dass ich keine Hosentaschen habe!”, schluchzt Gina, während ihr Maskara theatralisch den Abgang macht und ihr frisch gebügeltes Oberteil ziemlich versaut.

“Natürlich kannst du dafür, Gina-Schatz. Du hättest heute Morgen ja etwas mit Hosentaschen anziehen können! Und jetzt bitte nicht nochmal unterbrechen. Der Dünne kann sich kaum noch beherrschen und ich hab nachher noch Therapie, da will ich pünktlich hin! Also, bitte, wer ist für Option A?”

Garbor kann 2 Hände zählen.

“Danke. Und nun Option B! Handzeichen für: Gina stirbt, einer von euch darf gehen.”

Ein blonder Mann, vielleicht 30 Jahre alt, mit unfassbar schönen Gesichtszügen fängt vorsichtig an zu sprechen:

“Herr Garbor, wer von uns dürfte denn dann gehen?”

“Das, mein guttaussehender Freund, ist eine zwar eine berechtige Frage, aber: Wir finden die Antwort im nächsten Schritt heraus. Jetzt erstmal einfach abstimmen, bitte!”

Diesmal kann Garbor nur eine Hand zählen. Die des blonden Mannes.

Und nun, da es ja auch Enthaltungen geben könnte, bitte alle die Hand heben, die Option C für die beste Lösung halten!

4 Hände gehen in die Höhe. Niemand enthält sich.

“Die allwissende Menge hat gesprochen! Es tut mir wahnsinnig leid, Gina! Zeit zum Sterben. Kommst du dann bitte einmal hier rüber? Hier ist das Licht glaube ich besser. Und ihr anderen Süßmäuse, ihr dürft eure Handys jetzt gerne nehmen und euch bereitmachen!”

Während also alle anderen mit zittrigen Händen ihre Handys zücken und sicherstellten, dass sie die besten Winkel und Lichtverhältnisse erhaschen, führt Garbor die zitternde Gina zu dem Sessel, auf dem er noch vor wenigen Augenblicken ein Nickerchen gehalten hat. Der Dünne hat sich derweil dazu entschieden, die alberne Fransenjacke auszuziehen und dem sensationslüsternden Publikum seinen makellosen und nakten Oberkörper anzubieten. Just in dem Moment, als er sich in perfektem Winkel und Abstand bereit macht, der Influencer-Karriere und auch irgendwie dem gesamten Leben von Gina-ohne-Hosentaschen die Lichter auszupusten, gehen die Lichter aus und pechschwarze Stille umhüllt die Szenerie für ein paar Sekunden, bis auf einmal, wie von Geisterhand ein ohrenbetäubender Bass die dramatische Stille zerfetzt und Gina sich in die ewigen Jagdgründe aufmacht.

Auf dem Kanal von Garbor und dem Dünnen erreicht das Video schlappe 17 Millionen Aufrufe in den ersten 24 Stunden und sichert den beiden einen weiteren Monat in Saus und Braus, sowie eine strategische Partnerschaft mit Walther und Soundcloud. Gar nicht schlecht für einen Nachmittag Arbeit. Findet ihr nicht?

Weiter
Weiter

Ideenseminar