Ideenseminar
Endlich wieder Frühling. Im Frühling konnte man endlich die Ideen aus dem letzten Herbst ernten. Leider wusste Garbor nicht, was er ernten würde. Er wusste nämlich nicht, welche Ideen er ausgesät hatte.
Es war doch so: Garbor bewahrte alle seine Ideen in kleinen, matt-schwarzen Behältern auf, die wiederum in (eigens dafür gekauften) matt-schwarzen Regalen im hinteren Teil der Festung standen. Garbor hatte sich für alle fünf Kategorien von Ideen im letzten Frühling separate Behälter besorgt. Davor hatte er all seine Ideen nämlich – wie so ein blutiger Anfänger – einfach in einer Kiste unterm Bett und davor in der gleichen Schublade wie die Taxi-Quittungen aufbewahrt. Die Idee für die fünf Kategorien hatte er aus einem Seminar mit Dr. Jeridius Gernhardt Focks.
“… wichtig ist es, und ich kann das gar nicht deutlich genug sagen, dass ihre Ideen an einem dunklen und sicheren Ort aufbewahrt werden. ‘Warum dunkel, Frau Dr. Focks?’ werden sie nun gleich fragen und ich werde darauf antworten: ‘Dazu kommen wir jetzt!’ Ein dunkler Ort ist deswegen so wichtig, weil die Ideen, sollten sie zu lange hellem Licht und der unbarmherzigen, feisten Umwelt ausgesetzt werden, ganz einfach verblassen. Verblasste Ideen sind aber nutzlos. Sie sind fade und schwach, beinahe leblose Gebilde, die ihnen nur die Zeit rauben.
Was uns unweigerlich zu unserer ersten Kategorie führt: nutzlose Ideen. Sie alle haben diese. Manche Ideen sind von Anfang an nutzlos, manche verblassen und werden dadurch nutzlos, manche durch das ewige Brüten und Zerdenken. Wichtig ist, dass Sie sie dennoch nicht wegwerfen, sondern sorgfältig wegsortieren. Es ist der ganz und gar bewusste Akt des Umganges mit unserem Leben, der das Leben ausmacht, nicht wahr? Unsere Ideen werden nicht einfach so weggewischt, nein. Wir gehen bewusst mit ihnen um! Merken Sie sich das, schreiben Sie sich auf: bewusster Umgang. Das A und O eines echten Lebens! Bewusst. Nun, wo war ich doch gleich? Ach ja! Kategorie 1: Nutzlose Ideen.
Kommen wir also nun zur zweiten Kategorie: schlaue Ideen. Schlaue Ideen stehen schräg hinter den nutzlosen Ideen. Schlaue Ideen hat jeder Mensch einmal. Herrlich, nicht wahr? Schlaue Ideen können Sinn machen, mitunter auch Spaß, sie sind nur meist leider zu offensichtlich und damit meist ganz und gar langweilig. Über schlaue Ideen ist schon sehr viel geschrieben worden – mein Kollege Dr. Klaus Feratu hat in seinem Frühwerk ‘Schlaue Idee, ödes Leben’ bereits alles dazu gesagt, was zu sagen ist. Ich zitiere an dieser Stelle: ‘Liebe ist noch nie aus einer schlauen Idee entstanden, Freundschaft ebenso wenig. Wer am Scheideweg steht, braucht vieles, aber sicher keine schlauen Ideen. Wer nicht am Scheideweg steht, sollte sich auf den Weg machen. Schlaue Ideen stehen diesem Gang aber so sehr im Weg wie ein dicker, alter Mann im Supermarkt, der die Konserven begafft.’ Da! Sie hören es ja. Was ist dem noch hinzuzufügen? Nichts! Wenn Sie noch mehr darüber erfahren möchten, vor allem wie Sie schlaue Ideen schon im Ansatz erkennen können: Lesen Sie Feratus Buch. Schreiben Sie sich das auf: schlaue Ideen, Buch lesen. Und nun weiter im Text:
Kategorie 3: Dumme Ideen. Dumme Ideen sind sehr wichtig. Dumme Ideen gehören sogar – einige meiner geschätzten Kolleg*innen mögen da anderer Ansicht sein – zu den wichtigsten. Dumme Ideen helfen neue Perspektiven einzunehmen. Dumme Ideen führen zu Lachen, Kopfschütteln, Ärger und Kopfschmerzen. Manche dumme Ideen lassen Sie ihr Leben in Frage stellen. Ich kann gar nicht betonen, wie wichtig es ist, das Leben in Frage zu stellen. Dafür brauchen wir dumme Ideen. Nur: Vorsicht ist geboten! Ich persönlich versuche nicht mehr als eine wirklich dumme Idee pro Woche zu haben. Sie können sicher denken, was passiert, sollten wir den dummen Ideen die Kontrolle über unser Leben geben. Schreiben Sie auf: Es ist Vorsicht geboten.
Zum Ausgleich brauchen wir daher unbedingt Kategorie 4: Gütige Ideen. Gütige Ideen sind von außergewöhnlicher Wichtigkeit für ein echtes Leben. Einige Kolleg*innen von mir behaupten ja, gütige Ideen kommen oftmals etwas zu spät. Ich persönlich finde Menschen, die sich zu sehr mit der Reihenfolge von Zeit auseinandersetzen, sehr langweilig, aber sei es drum. Also: Gütige Ideen handeln von Zuhören, Nähe und Liebe. Von Zeit miteinander und Zeit allein. Gütige Ideen halten das Leben zusammen, wenn dumme Ideen uns manchmal davon zu trennen drohen. Gütige Ideen sind die Ideen, die übersehen werden und für die Sie am meisten – Sie ahnen es – Güte brauchen. Sie brauchen eine warme Umgebung und sollten genügend Platz und Luft bekommen wie Menschen auch. Schreiben Sie auf: Luft zum Atmen.
Und nun, die letzte unserer Kategorien: mutige Ideen. Manch mutige Idee kann zur dummen werden, ich sprach bereits von Vorsicht. Viele mutige Ideen werden leider zu nutzlosen, wenn sie nicht umgesetzt werden. Diese Gratwanderung ist es, die mutigen Ideen so selten und so kostbar macht. Mutige Ideen sind die, die am meisten Tatkraft benötigen. Sie werden Ihnen gehörige Angst machen. Hier lässt sich bereits oft eine Dumme von einer mutigen Idee unterscheiden. Wer mein voriges Seminar besucht hat, weiß, wie sehr verbunden Angst und Mut miteinander sind und wie sie einander brauchen. Mutige Ideen verändern ihr Leben. Sie werden sich dank mutiger Ideen der Kostbarkeit des Lebens gewahr – und erzittern voller Erfurcht. Schreiben Sie auf: Mut und Ehrfurcht.
Ich fasse nochmal zusammen, schreiben Sie auf: Nutzlose, schlaue, dumme, gütige, mutige Ideen. Dunkler, sicherer, Ort. Lüften Sie ihre Ideen regelmäßig. Säen Sie sie aus, lass Sie sie gedeihen. Und vor allem: Setzen Sie Ihre Ideen um. Eine Idee ist der Anfang von allem, aber eben nur der Anfang.”