Unten vs Draußen

“Symbolische Macht ist die Macht, Dinge mit Wörtern zu erschaffen.”
Pierre Bourdieu

In unserem Hochhaus gab es zwei Fahrstühle. Einen großen und einen kleinen. Wenn der kleine Fahrstuhl kam, musste ich mein Fahrrad hochkant auf dem Hinterrad hineinschieben, damit es hineinpasste.

Wenn man fett war oder erwachsen, dann hatte man so seine liebe Mühe, überhaupt noch mit dem Fahrrad zusammen reinzupassen. Zum Glück war ich nicht fett. Kind zu sein ist schon schwer genug, ein Fahrrad hochkannt in den Fahrstuhl zu bekommen auch. Aber dann auch noch fett sein? Nein, danke. Dann wirst du ja nur noch gemobbt. Wie gesagt, fett war ich nicht. Aber dafür hatte ich eine Brille. Mein rechtes Auge musste für eine Zeit abgeklebt werden, damit das linke Auge trainiert wird. Amblyopie heißt das. Schwachsichtigkeit. Nicht zu verwechseln mit Schwachsinnigkeit. Das ist nun fast noch schlimmer als fett zu sein. Dann wirst du nämlich nicht nur gemobbt, nein, dann wirst du in die Mülltonne gesteckt und mit nem Schal verprügelt. So wie wir es mit dem schwachsinnigen Alex gemacht haben, damals, in der siebten Klasse.

Jedenfalls bin ich mit meinem Fahrrad im Fahrstuhl immer nach unten zum Spielen gefahren. Mein Fahrrad stand nämlich immer auf dem Balkon. Hätte es unten gestanden, wäre es sofort geklaut worden. Den feinen Unterschied zwischen “nach unten” und “raus” zum Spielen habe ich in der siebten Klasse kennengelernt.

“Oh man, Mathe fällt aus. Dann hätte ich mir das mit den Hausaufgaben ja sparen können und noch eine Weile unten bleiben können.”

“Wie unten? Im Keller? Habt ihr den Keller irgendwie ausgebaut?”

“Häh, wieso denn Keller?”

“Na, du hast doch eben selber gesagt, du hättest unten bleiben können.”

“Ach so, ja. Also ich meine unten im Hof. Fußballspielen.”

“Hahah, ach so einer bist du! Einer ausm Hochhaus.”

Zack. Willkommen in der Realität, in der es neben Fetten, Blöden und Brillenschlangen noch ganz andere Kategorien gibt, in denen man gemobbt werden kann. Unvereinbare Realitäten nämlich, die uns Menschen voneinander trennen. Unten-Kinder und Draußen-Kinder, Woolworth-Kinder und Ambercrombie-Kinder, Fussball-Kinder und Oboen-Kinder, Urlaub-am-Tegler-See-Kinder und Urlaub-am-Comer-See-Kinder.

Nur weil deine Eltern nie von Bourdieus Klassentheorie gehört haben, heißt das nicht, dass sie nicht existiert. Wir hatten keinerlei ökonomisches Kapital, wenig bis kein kulturelles Kapital, kein soziales Kapital und damit auch kein symbolisches Kapital. Wir saßen im Hochhaus ziemlich weit oben, aber in der Gesellschaft ziemlich weit unten. Als ich 16 war, habe ich jeden Abend im Bett gelegen und mir vorgestellt, wie es wohl wäre, wenn ich Geld hätte. Jetzt bin ich 46, liege abends im Bett und stelle mir vor, dass niemand mehr Geld hat.

Während also mein Siebte-Klasse-Ich bedrüppelt dasteht und sich schämt, obwohl es irgendwie gar nicht weiß, warum, kommt ein anderes Kind mit zerissener Jeans und angeberischem Grinsen auf mich zu und spricht mich an.

“Mach dir nichts draus — Basti ist n Idiot. Ich bin auch aus dem Hochhaus.”

“Wer bist du denn?”

“Der Dünne. Und du?”

“Ich bin Garbor.”

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Das habe ich mir anders vorgestellt